Das Corpshaus

Im Handbuch der Architektur von Professor Dr. Eduard Schmitt aus dem Jahre 1904 heißt es auf Seite 97: “Mit Rücksicht auf die Geschichte des Korps wurden Anlehnungen an das wesD0064962__Studentenwohnheim der Westphalen Wilhelm-Weber-Straße 36  © Michael Hoetzel DGPh Germantfälische Bauernhaus gewählt.“ Und in der Tat präsentiert sich unser Corpshaus heute wie damals als ein im westfälischen Bauernhausstil errichtetes Gebäude mit Fachwerk und Giebeln!

 

Prof. Dr. Franz Stadtmüller berichtet in unserer Corpsgeschichte, dass die Bewegung zum Bau eigener Häuser im Kösener SC in der 80er bis 90er Jahren des 19. Jahrhunderts einsetzte. Der ursächliche Gedanke war dabei die Überlegung, die Aktiven von der Willkür einiger Wirte und von der Verschiedenheit der finanziellen Leistungskraft des Einzelnen unabhängig zu machen. Hinzu kam, dass ein eigenes Haus schlicht gemütlichere Räume für ein geselliges Zusammensein ohne Ausgaben für den Einzelnen bieten konnte und dadurch versprach, Solidität aufkommen zu lassen.

Da bereits die Corps Saxonia und Bremensia über ein eigenes Heim verfügten, kam auch bei Hildeso-Guestphalia der Gedanke auf, sich ein eigenes Haus zu errichten. Auslöser für die Festigung dieses Plans war die Stiftung der Witwe unseres Corpsbruders Ludwig Heydenreich in Höhe von 10.000,- Mark zum 40. Stiftungsfest 1894. Diese Stiftung beeindruckte die Versammlung des FCC in solchem Maße, dass sämtliche Anwesenden die Frage des Baus eines Corpshauses sofort bejahten und eine Zeichnungsliste unter den anwesenden Corpsbrüdern umgehend weitere 11.000,- Mark erbrachten. Nachdem in der Folgezeit zusätzliche Geldspenden eingegangen waren, wurde ein im Ostviertel von Göttingen gelegenes Grundstück in der Wilhelm-Weber-Straße von fast ¼ Hektar erworben. Außergewöhnlich für ein Grundstück im Ostviertel war dabei, dass es sich um ein Doppelgrundstück von 95 Metern Länge handelt, das sich von der Wilhelm-Weber-Straße bis zum Goldgraben erstreckt. Bis heute ist es das einzige Grundstück dieser Art und Größe im gesamten Ostviertel. Geprägt wird das von der Göttinger Altstadt nur ca. 10 Minuten entfernte und an den Campus angrenzende Ostviertel heute durch viele kleinere Villen; bei Einweihung des Corpshauses am 04.03.1897 stand dieses jedoch fast alleine da.

Der Bau der Corpshauses erfolgte im Wesentlichen im WS 1895/96 und SS 1896. Der Entwurf und Kostenvoranschlag stammte von dem Berliner Regierungsbaumeister Lothar Schoenfelder, Baugesuch und D0064960__Studentenwohnheim der Westphalen Wilhelm-Weber-Straße 36  © Michael Hoetzel DGPh GermanAusführung geschah durch die Firma Gebr. Krafft aus Göttingen. Nach der Fertigstellung verfügte das zweigeschossige Haus über eine Kneipe sowie ein Speise- und Ablegezimmer im Erdgeschoss. Ferner gab es ein CC- sowie Aktivenzimmer im Obergeschoss und die Wirtschaftsräume waren im Keller untergebracht. Schon nach kurzer Zeit stellte sich jedoch heraus, dass das Haus den Anforderungen nicht (mehr) gerecht wurde. Ein Um- resp. Ausbau musste her, welcher 1909 beschlossen und 1911 ausgeführt wurde. Der Entwurf erfolgte nunmehr durch den Architekten Luer aus Hannover; die Ausführung wurde von der Firma Gebr. Frankenberg aus Northeim übernommen. Durch diesen Erweiterungsbau gab es nun im Keller einen Paukboden sowie eine Kellerkneipe. Auch das Speisezimmer erfuhr in Richtung Garten/Goldgraben seine Erweiterung und erhielt im Anschluss eine größere Terrasse. Zudem entstand im Erdgeschoss ein neuer Raum und im Obergeschoss wurden weitere Aktivenzimmer sowie ein Lese-, Spiel- und Billardzimmer hinzugefügt. Weitere Umbaumaßnahmen erfolgten in den 20er Jahren. So wurde z.B. 1922 auf elektrisches Licht umgestellt und 1927 der nach dem Goldgraben gelegene Wirtschaftsteil des Gartens aus der gemüsegärtnerischen Verwendung, welche sich nicht mehr lohnte, herausgenommen und dem übrigen ziergärtnerisch angelegten Teil angepasst. Die letzte größere Umbaumaßnahme erfolgte 1928 und wurde durch die Firma Rathkamp & Sohn aus Göttingen ausgeführt. Dabei wurden die etwas knappen sanitären Verhältnisse verbessert, indem im Erdgeschoss das Ablegezimmer in Richtung Wilhelm-Weber-Straße vorgezogen und damit das zuvor vorhandene WC zum bisherigen Garderoben- bzw. Empfangsraum hinzugenommen werden konnte. Dieser Vorbau wurde bis zum ersten Stock hinaufgezogen und dort mit einem Balkon zu dem Ablegezimmer der Damen abgeschlossen. Mit dieser letzten Umbaumaßnahme wurde das Haus zzgl. der Terrasse auf eine Gesamtfläche von nunmehr insgesamt ca. 850 qm2 vergrößert.

Selbstverständlich ging aber auch die historische Entwicklung an dem Haus nicht spurlos vorüber. Nachdem sich 1914 die meisten Aktiven freiwillig zum Dienst für Kaiser und Vaterland gemeldet hatten, wurde das Haus den Militärbehörden zur Verfügung gestellt. Zunächst fanden dort lediglich kleinere Veranstaltungen wie z.B. ein „Verwundeten-Kaffee“ statt. Als der Magistrat im Jahre 1915 das Angebot zur weiteren Nutzung abgelehnt hatte, wurde es indes durch die Kgl. Lazarettverwaltung in Kassel angenommen. Die Kneipe wurde abgeschlossen, das Speisezimmer zum Krankensaal mit 11 Betten umfunktioniert und der Empfangsraum zum Esszimmer eingerichtet. Das Haus, das zunächst nur mit Schwerverwundeten belegt war, nahm später auch Herzkranke auf, die z.T. noch nicht im Felde gestanden hatten. Als Lazarett war das Haus ab Jahresbeginn 1917 vollständig geräumt und im seinem alten Zustand wiederhergestellt. Mit Kriegsende wurde es sodann seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt und zuweilen seit der Inflationszeit auch als Erholungsheim für ältere Corpsbrüder genutzt. Im Jahre 1933 erfolgte eine Umgestaltung in ein Kameradschaftshause und das Leben der Aktiven orientierte sich nunmehr an einem festen Dienstplan. Bekanntlich folgte dem Jahr 1933 früher oder später die Suspension der Corps. Hildeso-Guestphalia suspendierte 1935; konnte jedoch sein Haus noch einige Zeit halten. Erst am 05.05.1937 wurde es zwangsweise an den Verein „Haus der Deutschen Frau“ verkauft und diesem am 01.06.1937 übergeben. Während eines abschließenden Treffens am 22./23.05.1937 wurde eine letzte Kneipe gefeiert und das Inventar am nächsten Tag teilweise versteigert sowie die größeren Möbelstücke und das Corpsarchiv an einzelne Corpsbrüder zu treuen Händen übergeben. Nachdem das Haus am Ende des Krieges 1945 zunächst leer stand bzw. Flüchtlinge aufhältig waren, wurden dort später Akten der NSDAP gelagert und das Haus durch die Militärbehörden mithin streng abgesperrt. Nach der Freigabe 1948 kam das Haus als ehemaliges Eigentum der NSDAP (der Verein „Haus der Deutschen Frau“ wurde 1942 von der NSDAP übernommen) vorerst in treuhändlerische Verwaltung und wurde für die folgenden Jahre durch den Treuhänder an verschiedene Personen zu Wohnzwecken vermietet. Erst im Jahre 1952 gelang es dem VAH, das Haus zurück zu kaufen. Nachdem der Treuhänder 1953 dem VAH die Verwaltung des Hauses übergegeben und das noch vorhandene Corpsinventar auf das Corpshaus gebracht worden war, konnte es teilweise mit Beginn des WS 1953/54 wieder vom aktiven Corps übernommen werden. Eine vollständige Nutzung durch das Corps war jedoch erst im Jahre 1957 nach Auszug aller Mieter möglich.

Heute ist das nunmehr denkmalgeschützte Haus nach über 100 Jahren seines Bestehens noch immer mit viel Leben erfüllt. An der Nutzung der Räumlichkeiten hat sich indes wenig geändert. Die Kneipe, Speisesaal und Westfalenzimmer befinden sich im Erdgeschoss. Fünf Aktiven- und das CC-Zimmer finden sich im 1. Stock. Zuletzt bewohnen unsere Hausmeister den 2. Stock mit einer eigenen Wohnung.

Zum Abschluss sei nochmals aus der Corpsgeschichte von Stadtmüller zitiert:
„Möge unser schönes Corpshaus, das uns so viele herrliche Stunden der Freundschaft schenkte, ein Hort innigen Zusammenlebens bleiben!“